Defense Compliance
AQAP in Defense-Projekten: Was der Projekteinkauf wirklich prüfen muss.
Zwischen Zertifikat-Marketing und gelebter Prozessreife liegt der Unterschied, der das Projekt entscheidet.
AQAP steht in den Defense-Verträgen in den Anforderungen — und das Wort selbst klingt nach Zertifikat. Ist es aber nicht. Die AQAP ist eine NATO-Anforderung, die pro Projekt vertraglich vereinbart wird [1]. Wer als Projekteinkäufer einen Lieferanten für kritische Präzisionsteile auswählt und nur auf Preis, Lieferzeit und das ISO-9001-Zertifikat schaut, verpasst die wichtigste Frage: Kann dieser Lieferant die AQAP-Anforderungen nicht nur abnicken, sondern im Projektalltag tragen? Der entscheidende Unterschied liegt nicht zwischen zertifiziert und nicht zertifiziert, sondern zwischen behaupteter und gelebter Prozessfähigkeit.
- Fachlich geprüft von
- Thomas Bolte
- AQAP-Berater von Dürr Metall · qm-as-bolte.de
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- ca. 10 Minuten
Definition
Was AQAP wirklich ist — und was es nicht ist.
AQAP steht für „Allied Quality Assurance Publications" — NATO-Qualitätssicherungsanforderungen, die in Defense-Aufträgen vertraglich vereinbart werden. Anders als ISO 9001 oder EN 9100 ist AQAP kein Zertifizierungsstandard, sondern eine vertragsbezogene Anforderung. Unternehmen werden also nicht „AQAP-zertifiziert" — geprüft wird, ob die im Projekt relevanten AQAP-Anforderungen wirksam umgesetzt sind.
Für Projekteinkäufer ist das die Pointe: Wer einen Lieferanten an einem AQAP-Aufkleber misst, misst etwas, das es nicht gibt. Wer ihn an seiner Fähigkeit misst, die Anforderungen im Projektalltag zu tragen, misst das Richtige.
AQAP-Familie
Fünf AQAP-Dokumente, die in Defense-Verträgen relevant werden.
Die AQAP-Familie ist nicht ein Standard, sondern ein Baukasten. Je nach Vertragsumfang werden unterschiedliche Dokumente relevant. Fünf, die in Defense-Projekten regelmäßig auftauchen:
AQAP 2105 — Qualitätsmanagementplan
Regelt Anforderungen an einen vertragsspezifischen Qualitätsmanagementplan. Macht sichtbar, wie ein Lieferant die Anforderungen des konkreten Projekts umsetzen will: welche Prüfungen, welche Nachweise, welche Risiken, welche Verantwortlichkeiten.
AQAP 2110 — Design, Entwicklung, Produktion
Enthält die Anforderungen der ISO 9001 plus NATO-spezifische Ergänzungen: Risikomanagement, Konfigurationsmanagement, Lieferantensteuerung, Rückverfolgbarkeit. Relevant überall dort, wo Design, Entwicklung oder Produktion Vertragsbestandteil sind.
AQAP 2131 — Endprüfung und Test
Anforderungen an die finale Prüfung, Abnahme und dokumentierte Freigabe. Bei Präzisionsteilen zählt nicht nur das Werkstück selbst, sondern der belastbare Nachweis, dass es nach den geforderten Merkmalen geprüft wurde.
AQAP 2210 — Software-QS-Ergänzung
Software-bezogene Qualitätssicherungsanforderungen als Ergänzung zu AQAP 2110 oder 2310. Bei reinen Fräs-, Dreh- oder Baugruppenteilen meist nicht direkt einschlägig — relevant, sobald Baugruppen mit Software-Anteilen oder Embedded-Systemen geliefert werden.
AQAP 2310 — Aviation, Space, Defence Suppliers
Enthält die Anforderungen der EN 9100 plus NATO-spezifische Ergänzungen. Relevant für besonders anspruchsvolle Projekte mit hohen Anforderungen an Produktsicherheit, Konfigurationsmanagement und Nachweisführung. Wer hier saubere Spuren hinterlassen kann, hat Prozessreife auf höchstem regulierten Niveau.
AQAP behauptet vs. gelebt
Woran man AQAP-Reife im Audit erkennt — sechs Indizien.
Im Audit zeigt sich schnell, ob AQAP ein Marketing-Stempel ist oder Teil der Arbeitsweise. Sechs Dimensionen, in denen sich „AQAP behauptet" von „AQAP gelebt" unterscheidet:
| Aspekt | AQAP behauptet | AQAP gelebt |
|---|---|---|
| Qualitätsmanagementplan | Generisches QM-Handbuch | Projektspezifischer Plan nach AQAP 2105 |
| Rückverfolgbarkeit | Charge bis Wareneingang | Material, Prozessschritte, Prüfungen, Änderungen — Ende-zu-Ende |
| Konfigurationsmanagement | Zeichnungsstand „aktuell" | Revisionen gelenkt, Freigaben dokumentiert, Lieferstände nachweisbar |
| Prüfplanung | Endkontrolle nach Augenmaß | Merkmalsbezogene Prüfplanung mit Mittel, Frequenz, Toleranz |
| Kommunikation bei Abweichungen | Erst bei Reklamation | Frühe Klärung mit dokumentiertem Pfad zur Abnahme |
| Audit-Fähigkeit | Nacharbeit bei jeder Auditankündigung | Dokumente stehen im Tagesgeschäft jederzeit bereit |
Prüfkriterien Projekteinkauf
Acht AQAP-Hebel, an denen ein Defense-Lieferant geprüft werden sollte.
AQAP-Anforderungen sind kein abstrakter Normenkatalog — sie lassen sich in konkrete Prüfpunkte übersetzen. Was der Projekteinkauf bei einem AQAP-nahen Defense-Lieferanten konkret prüfen sollte, mit Bezug zu der jeweils einschlägigen AQAP-Publikation:
| Projektspezifischer Qualitätsmanagementplan → AQAP 2105 | Existiert ein vertragsspezifischer Plan nach AQAP 2105? |
|---|---|
| Risikomanagement → AQAP 2110 / 2310 | Wie identifiziert, bewertet und steuert der Lieferant projektkritische Risiken — proaktiv und dokumentiert, nicht reaktiv? Risikomanagement ist eine der zentralen NATO-Ergänzungen, die AQAP 2110 (auf ISO-9001-Basis) und AQAP 2310 (auf EN-9100-Basis) gegenüber den zugrundeliegenden Normen schärfen. |
| Konfigurationsmanagement → AQAP 2110 / 2310 | Wer lenkt Revisionen, wer gibt Änderungen frei, wie sind Lieferstände nachweisbar? Konfigurationsmanagement ist ein NATO-eigenes Pflichtthema — gerade bei mehrjährigen Defense-Programmen mit hoher Änderungslast. |
| Rückverfolgbarkeit (Traceability) → AQAP 2110 / 2310 | Lückenlose Nachvollziehbarkeit von Material, Charge, Prozessschritten, Prüfungen, Änderungen und Freigaben. AQAP-Logik erwartet eine Ende-zu-Ende-Spur, die jedem Audit standhält — nicht nur den Wareneingang. |
| Merkmalsbezogene Prüfplanung → AQAP 2131 | Welche Merkmale werden wann, wie, womit, mit welcher Dokumentation geprüft? AQAP 2131 stellt die Endprüfung und die belastbare Freigabe-Dokumentation in den Mittelpunkt — gerade bei sicherheitskritischen Bauteilen. |
| Lieferantensteuerung → AQAP 2110 / 2310 | AQAP läuft die Lieferkette hinunter. Wie qualifiziert, überwacht und auditiert der Lieferant seine eigenen Sub-Lieferanten? Wer Sub-Lieferanten nicht steuern kann, kann AQAP nicht halten. |
| GQA-Fähigkeit (Government Quality Assurance) | Kann der Lieferant eine staatliche Qualitätssicherung (in Deutschland durch das BAAINBw) im Projekt mittragen — inklusive Werks-Audits, Stichprobenprüfungen vor Ort und freigegebener Lieferdokumentation? Ohne diese Fähigkeit ist ein AQAP-Auftrag nicht lieferbar. |
| Software-QS (falls relevant) → AQAP 2210 | Sobald Baugruppen Software- oder Embedded-Anteile enthalten, kommt AQAP 2210 als Ergänzung zu AQAP 2110/2310 ins Spiel. Bei reinen Fräs-, Dreh- oder mechanischen Baugruppenteilen meist nicht einschlägig — bei Mischbaugruppen aber zwingend mitprüfen. |
Standpunkt
Wie Dürr Metall AQAP in Defense-Projekten umsetzt.
Bei Dürr Metall sehen wir AQAP-nahe Anforderungen nicht als reine Normenwelt, sondern als Projektabsicherung. Der Projekteinkäufer braucht einen Lieferanten, der Anforderungen nicht nur abarbeitet, sondern kritisch mitdenkt — gerade bei komplexen Präzisionsteilen, Baugruppen, Kleinserien, Prototypen und sicherheitsrelevanten Anwendungen.
- Frühe technische Klärung statt späte Nacharbeit — Zeichnungs-, Revisions- und Merkmalslage wird vor der ersten Spannung sauber geklärt.
- Fertigung, Qualität und Projektabwicklung denken gemeinsam — nicht als Stafettenlauf von Abteilung zu Abteilung.
- Projektspezifische Prüf- und Dokumentationsanforderungen werden früh besprochen, nicht erst kurz vor der Abnahme.
- Praktisches Verständnis für Metall- und Kunststofftechnik, Baugruppen und Sonderprozesse unter einem Dach — die Lieferkette bleibt kurz.
- Nicht „Teil nach Zeichnung", sondern Blick auf Funktion, Einbausituation und spätere Abnahmefähigkeit.
Wer Defense-Teile einkauft, sollte deshalb nicht nur fragen: „Können Sie das fertigen?" Die richtige Frage lautet: „Können Sie das fertigen, prüfen, dokumentieren und im Audit nachvollziehbar belegen?" Die Longlist möglicher Fertiger ist groß. Die Shortlist wirklich geeigneter Defense-Partner ist deutlich kleiner — weil AQAP technische Fertigungstiefe mit dokumentierter Prozessreife verbindet.
Glossar
Schlüsselbegriffe kurz erklärt.
- AQAP
- Allied Quality Assurance Publications — NATO-Qualitätssicherungsanforderungen, die in Defense-Aufträgen vertraglich vereinbart werden. Keine Zertifizierung, sondern projekt-/vertragsbezogene Anforderungen.
- AQAP 2110
AQAP-2110 - NATO Quality Assurance Requirements for Design, Development and Production. Baut auf ISO 9001 auf, ergänzt um NATO-Anforderungen an Risikomanagement, Konfigurationsmanagement, Lieferantensteuerung und Rückverfolgbarkeit.
- AQAP 2310
AQAP-2310 - NATO Quality Management System Requirements for Aviation, Space and Defence Suppliers. Enthält die Anforderungen der EN 9100 plus NATO-spezifische Ergänzungen — relevant für besonders sicherheits- und zulassungskritische Lieferketten.
- AQAP 2105
AQAP-2105 - NATO-Anforderungen an einen vertragsspezifischen Qualitätsmanagementplan. Macht sichtbar, wie ein Lieferant die Anforderungen eines konkreten Projekts umsetzt.
- AQAP 2131
AQAP-2131 - NATO-Anforderungen an Endprüfung und Test. Regelt finale Prüfung, Abnahme und dokumentierte Freigabe.
- AQAP 2210
AQAP-2210 - Software-bezogene Qualitätssicherungsanforderungen als Ergänzung zu AQAP 2110 oder 2310. Relevant, wenn Software-Anteile in die Lieferung einfließen.
- ISO 9001
- Internationaler Standard für Qualitätsmanagementsysteme. Branchenneutrale Basis. In Defense-Projekten oft die Eintrittskarte, aber selten allein ausreichend, wenn AQAP-Anforderungen vertraglich vereinbart sind.
- EN 9100
EN 9100:2018 - Branchenspezifischer QM-Standard für Aviation, Space und Defence. Ergänzt ISO 9001 um Anforderungen an Produktsicherheit, Risikomanagement, Konfigurationsmanagement und Rückverfolgbarkeit. EN 9100 ist nicht identisch mit AQAP — EN 9100 ist Zertifizierung, AQAP ist vertraglich.
- GQA — Government Quality Assurance
- Qualitätssicherung durch staatliche oder beauftragte Stellen. Setzt voraus, dass Prozesse und Nachweise so strukturiert sind, dass externe Prüf- und Abnahmeinstanzen jederzeit nachvollziehen können, was getan wurde.
- Qualitätsmanagementplan
- Vertrags- bzw. projektspezifisches Dokument, das beschreibt, wie Anforderungen eines konkreten Projekts umgesetzt, geprüft, dokumentiert und überwacht werden. Anforderungen daran kommen aus AQAP 2105.
- Konfigurationsmanagement
- Lenkung von Zeichnungen, Revisionen, Änderungen, Freigaben und Lieferständen. Bei langen Projekten und mehreren Beteiligten entscheidend, damit nicht nach veralteten Daten gefertigt oder geprüft wird.
- Lieferantenfähigkeit
- Mehr als Maschinenpark und Preis: Verständnis für technische Anforderungen, saubere Dokumentation, frühe Risikoerkennung, Prüfplanung, Änderungsbeherrschung und transparente Kommunikation.
Häufige Fragen
Antworten auf typische Fragen aus dem Defense-Projekteinkauf zu AQAP.
01Ist AQAP ein Zertifikat?
Nein. AQAP ist eine Sammlung von NATO-Qualitätssicherungsanforderungen, die in Defense-Aufträgen vertraglich vereinbart werden — kein Zertifizierungsstandard wie ISO 9001. Unternehmen werden also nicht „AQAP-zertifiziert". Geprüft wird, ob die im konkreten Projekt relevanten AQAP-Anforderungen wirksam umgesetzt sind.
02Reicht ISO 9001 für Defense-Projekte aus?
ISO 9001 ist eine wichtige Basis, aber wenn der Vertrag AQAP-Anforderungen mitbringt, kommen zusätzliche Pflichten dazu — Risikomanagement, Konfigurationsmanagement, projektspezifische Prüfplanung, Nachweisführung. Der Einkauf sollte daher prüfen, ob der Lieferant über die ISO-9001-Basis hinaus projektspezifisch dokumentieren, prüfen und Risiken steuern kann.
03Was ist der Unterschied zwischen AQAP 2110 und AQAP 2310?
AQAP 2110 baut auf ISO 9001 auf und gilt für Design, Entwicklung und Produktion. AQAP 2310 baut auf EN 9100 auf und ist für Lieferanten in besonders anspruchsvollen Programmen der Luftfahrt-, Raumfahrt- und Verteidigungsindustrie gedacht — mit stärkerem Fokus auf Produktsicherheit, Risikomanagement und Konfigurationsmanagement.
04Worauf sollte ich als Projekteinkäufer über Preis und Lieferzeit hinaus achten?
Auf Auditfähigkeit und Prozessreife: Hat der Lieferant einen projektspezifischen Qualitätsmanagementplan? Wie sieht die Rückverfolgbarkeit aus? Wer steuert Revisionen und Änderungen? Wie ist die Prüfplanung dokumentiert? Wie früh wird bei technischen Abweichungen kommuniziert? Bei Defense-Teilen kann ein günstiger Lieferant teuer werden, wenn Dokumentation oder Rückverfolgbarkeit später fehlen.
05Betrifft AQAP nur große Rüstungsunternehmen?
Nein. Auch kleinere und mittelständische Zulieferer können in AQAP-relevante Lieferketten eingebunden sein — direkt oder als Sub-Lieferant. Entscheidend ist nicht die Unternehmensgröße, sondern ob die Anforderungen sauber interpretiert, dokumentiert und umgesetzt werden.
06Ist AQAP-Dokumentation am Ende nicht einfach Bürokratie?
In regulierten Projekten ist Dokumentation Teil der Produktsicherheit, nicht Overhead. Sie reduziert Risiken, schafft Nachvollziehbarkeit und schützt alle Beteiligten, wenn später Rückfragen, Audits oder Abnahmen kommen. Wer Dokumentation als Bürokratie sieht, hat sie in der Regel nicht in den Tagesablauf eingebaut.
07Wie groß ist der Kreis AQAP-fähiger Fertigungsbetriebe in Deutschland?
Es gibt keine belastbare öffentliche Statistik dazu — AQAP ist keine klassische Zertifizierung, daher fehlt eine Quote. Qualitativ lässt sich aber sagen: Viele Betriebe können nach Zeichnung fertigen, ein kleinerer Teil hat ein belastbares ISO-9001-System, noch weniger haben Erfahrung mit Luftfahrt-/Defense-Anforderungen, und nur ein Bruchteil verbindet technische Fertigungstiefe mit dokumentierter Prozessreife, Prüfplanung und projektbezogener Nachweisführung. Genau dieser Bruchteil bleibt als Shortlist übrig.
Quellen
Fachliche Grundlage.
- [1]AQAP — Qualitätssicherungsanforderungen der NATOBAAINBw — Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehrhttps://www.bundeswehr.de/de/organisation/ausruestung-baainbw/vergabe/qualitaetsmanagement/aqap-qualitaetsicherungsanforderungen-nato
- [2]Normen — Übersicht zu Standards im VergabeprozessBAAINBwhttps://www.bundeswehr.de/de/organisation/ausruestung-baainbw/vergabe/normen
- [3]OASIS — Online Aerospace Supplier Information SystemIAQG — International Aerospace Quality Grouphttps://www.iaqg.org/oasis/
- [4]EN 9100:2018 — Quality Management Systems for Aviation, Space and Defense OrganizationsIAQG — International Aerospace Quality Grouphttps://iaqg.org/9100-series/
- [5]QM + AS Bolte — Qualitätsmanagement, Arbeitssicherheit, AQAP-BeratungThomas Boltehttps://www.qm-as-bolte.de/

